Das Bettenproblem

So sehr ich das Leben in Japan auch mag, das Schlafen ist seit meinem ersten Aufenthalt ein Problem. In Japan ist es üblich, die Nächte mit einer dünnen Matratze auf dem Boden zu verbringen. Zu diesem Zweck wird die Wohnung in einem der Räume nicht mit Teppich oder normalem Belag, sondern mit sogenanntem Tatami ausgestattet. Tatami ist eine aus Reisstroh geflochtene Bodenplatte. Diese Platten sind weicher, aber deshalb auch sehr anfällig für Schäden und in dem Fall teuer zu ersetzen. Schon aus diesem Grund habe ich meine Probleme mit dem Tatamizimmer in meiner Wohnung, da ich immer in der Sorge lebe, etwas zu beschädigen. Auf jeden Fall verwendet man normalerweise auf diesen Matten eine „Futon“ genannte Matratze, auf der man die Nacht verbringen soll. Aber ab einer gewissen Körpergröße muss ich leider feststellen, dass diese Art des Schlafens für ein paar Nächte ihre Vorteile hat, aber in meinem Fall nicht für die Ewigkeit geeignet ist.
Natürlich kennen die Japaner auch Betten. Diese sind aber unverhältnismäßig teurer und meist in einem nicht idealen Zustand. So quälte ich mich im Jahr 2010 mit einem dünnen Futon, welches als Matratze auf eine Holzplatte gelegt wurde. Bei 2 cm Futondicke war das ein Trauerspiel sondergleichen. Eigentlich hätte ich gleich auf dem Holz schlafen können und trotzdem die gleichen Ergebnisse erzielt. Damals setzte ich noch all meine Hoffnung auf meine eigene Wohnung. Nur weil ein Wohnheim schlechte Betten hat, wird doch nicht ganz Japan auf diese schlechte Weise schlafen, oder? Tja, was soll ich sagen, ich lag falsch. In der neuen Wohnung stand ich nun also vor der Wahl, wieder auf dem Boden zu schlafen oder irgendwo ein vernünftiges Bett zu besorgen.
Die Rettung, so schien es, kam aus Richtung von Mayumi, meiner alten Konversationspartnerin. Sie ist gerade umgezogen und benötigte ihr altes Bett nicht mehr. Das Bett an sich ist schon ziemlich gut, aber die Matratze ist ein schlechter Witz. Sie machte teilweise mehr Probleme, als mir lieb war. So begann also die Mission, eine Alternative zu besorgen, welche mein Wochenende füllen sollte. Eine ausgiebige Suche ergab, dass meine Probleme natürlich nicht am Alter von Mayumis Bett lagen. Wie es aussieht, hat die Matratze die normalen Probleme, die auch andere Matratzen haben, welche nicht mindestens umgerechnet 2.000 Euro kosten. In keinem Laden, den ich besuchte, konnte ich ein halbwegs preiswertes Exemplar ergattern. Mehr noch, die normale Frage war, warum ich nicht einfach auf dem Boden schlafe, ist doch eh viel gesünder für mich. Nach langen Diskussionen stellte sich heraus, es geht den Japanern stark ums Prinzip. Wer bitte würde es wagen, den Japanern ihr Futon wegzunehmen? Wie es aussieht, kaufen die Japaner weiche Matratzen als Tatamiersatz und legen darüber Futons, welche dann das Gefühl des „auf-dem-Boden-Schlafens“ vermitteln. Die Matratze von Mayumi musste also so sein. Wieso man nicht gleich normale Matratzen anbietet, erschließt sich mir bis auf den Hintergrund des Doppelkaufes nicht, aber immerhin sind Futons leichter zu bekommen. So stand ich nach zwei Tagen aufwändiger Suche und vielen verwirrten Blicken aufgrund meiner verrückten Matratzenwünsche, endlich in einem Laden und hatte ein Futon in meiner Hand. Nebenbei gibt es hierzulande natürlich auch keine normalen Bettlaken. Nein, das wäre ja auch viel zu einfach! Vielmehr werden Bettlaken verwendet, welche das Futon einschließen sollen. Wer schon von Bettwäsche genervt ist, der soll mal versuchen, eine über zwei Meter große Matratze in so eine Tasche zu stecken. Aber egal, es wurde gekauft und jetzt stand ich vor einem kleinen Problem: Soll ich noch einmal fast den ganzen Kaufpreis für die Lieferung ausgeben, vom anderen Ende der Stadt nach Hause laufen oder gar ein Taxi besorgen? Ich entschied mich für die vierte Variante und bastelte mir mit meinem Fahrradschloss eine Halterung, mit der ich mir die riesige (gefaltete) Matratze auf dem Rücken befestigte. Ich war der Blickfang für alle Japaner, kam aber irgendwie heim und kann endlich wieder vernünftig schlafen. Dazu hängt auch endlich die FCM-Fahne über dem Bett, da kann eigentlich nichts mehr den guten Schlaf unterbrechen.

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Auf Großvaters Spuren

Ein Kenkyoshitzu ist an sich eine gute Erfindung. Es handelt sich um eine Mischung aus Bibliothek und Aufenthaltsraum und im Gegensatz zur relativ anonymen Universität in Deutschland geht es dank dieser Einrichtung hierzulande etwas familiärer in der Uni zu. So sehr ich die Vorteile davon auch schätze, manchmal beschert der Aufenthaltsraum auch mehr Probleme, als mir lieb sind. So ist leider seit dem Aufstieg von Herrn Kawamura der Fachbereich in eine technologische Starre gefallen. Technik geht zu Bruch und keiner repariert sie. Die Computer wurden teilweise schon seit zwei Jahren nicht mehr geupdatet und die Anschaffung neuer Technik erfolgt nach dem Prinzip des Aussehens. Natürlich sieht so ein Mac toll aus, wenn ihn aber nur eine Person steuern kann bringt er nicht viel, besonders wenn diese Person nicht die Verantwortliche für die PCs ist. Da ich notgedrungen auch mit der Technik arbeiten muss, habe ich mittlerweile das Admin-Passwort erhalten und mich erst einmal um die Rechner kümmern müssen. So wurden beim per E-Mail groß angepriesenen neuen Windows-PC doch einfach mal der Druckertreiber und die Programme neben Word vergessen. Da ich in der vorlesungsfreien Zeit eh mehr hier bin als die Dozenten, kommen die Studenten deshalb zu mir, wenn genau solche Fälle eintreten und ich kümmere mich darum.
Die Übernahme der Wartung wäre an sich aber noch nicht mal das große Problem. Wenn es einmal gemacht wurde, ist das Problem meist gelöst, aber so ein Kenkyoshitzu hat noch andere Dinge zu bieten. So geschah es letzten Donnerstag. Mehrere Studenten trafen sich für einen Literaturzirkel zum Thema „deutsche Bücher“. Schon von der Idee her ist dieser Zirkel zumindest diskussionswürdig. Es findet einmal die Woche ein Treffen mit dem Professor statt, bei dem abwechselnd ein Text vorgelesen wird, der dann in wenigen Worten erklärt werden soll. Um dies vorzubereiten, treffen sich alle Mitglieder ohne den Professor und bearbeiten den Text von sich aus. Nun spricht der Professor schon nicht viel Deutsch, aber die Studenten sprechen zum Teil nicht mal zwei Sätze. Zu entscheiden, inwiefern Texte wie das Buch Ijob nun geeignete Werke sind, um die deutsche Sprache zu verbessern, sei den geneigten Lesern selber überlassen. Meist werden auf jeden Fall die Worte einfach nur wortwörtlich übersetzt und vorgetragen. Der Professor berichtigt das auch nicht groß. Für einfache Bücher mag das alles noch angehen, bei Büchern mit mittelalterlichen Ausdrücken und Stilmitteln kommt man aus meiner Sicht mit der Betrachtung aber nicht weit. Auf jeden Fall war ich passenderweise gerade anwesend, als diese Sitzung der Studenten stattfand. Und unglücklicherweise konnte ich mich nicht mehr auf die von mir zu lesenden Texte konzentrieren, da ich immer nur die falschen Aussagen meiner Mitstudenten hören musste. Nach einer Weile reichte es mir und ich fing an, ihnen ihre Texte zu erklären. Dazu muss man wissen, dass ich schon seit meinen Schulzeiten dank der Überinterpretation von Texten durch meine letzten Deutschlehrer von der wissenschaftlichen Bearbeitung von Literatur Abstand nehme. Ich lese zwar gerne, aber bearbeiten ist dann doch noch mal ein ganz anderes Feld. Trotz allem musste ich so zweieinhalb Stunden damit verbringen, Japanern deutsche Literatur mit Händen und Füßen zu erklären. Wie schwer dies war, dürfte alleine durch die Tatsache ersichtlich werden, dass ich sogar erklären musste, was eine rhetorische Frage ist – und das bei zum Teil Masterstudenten der deutschen Literatur. Immerhin fruchtete meine Erklärung und der beteiligte Professor zeigte sich später in ihrer Besprechung begeistert von den Leistungen der Teilnehmer. Mein einziges Problem ist nun, dass ich gebeten wurde, doch von nun an immer an den Treffen des Buchclubs teilzunehmen. Na wenigstens wäre mein Großvater, der Deutsch- und Geschichtslehrer war, stolz auf mich gewesen, dass ich ihm jetzt sogar in seinem zweiten Fachbereich nacheifere.
Etwas Positives hat sich aus dieser Sache aber trotzdem ergeben: Auf Umwegen hat eine Deutschlehrerin von mir gehört und ich wurde gefragt, ob ich nicht einmal in der Woche als Assistent für ihren Sprachkurs arbeiten will. Geld kann man als armer Student ja immer gebrauchen und die Erfahrung schadet auch nicht, weswegen ich wohl zusagen werde. Im besten Fall finanzieren sich so meine zukünftigen Fußballtickets.

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Vegetarier im Fleischrestaurant

Gut, ich vermeide in Deutschland Restaurants sowieso immer aus Prinzip. Irgendwie erscheint es mir zu dekadent, als Student regelmäßig auswärtig essen zu gehen. Hier in Japan ist das aber etwas anderes. Schon aufgrund der Grundkosten für Lebensmittel ist es fast günstiger essen zu gehen, als spät abends noch zu kochen. Trotz allem erlebe ich aber immer noch Überraschungen. So geschah es am Samstag. Nachdem die feuchten Wände unserer Wohnung unseren hölzernen Schuhschrank in ein Paradies für Schimmel verwandelt hatten, verbrachte ich den Tag damit, die Stadt nach Alternativen zu erforschen. Dies kam mir auch so sehr gelegen, denn eine Einladung zum Karaoke von Maryam war eingetroffen und ich suche bekannterweise immer Gründe, nicht vor wildfremden Leuten singen zu müssen, solange es sich nicht um ein Fußballstadion handelt. Orsolya dagegen liebt Karaoke und so entschieden wir, uns nach dem Singen vor dem Laden zu treffen. Da die meisten Beteiligten es eilig hatten, blieben so nur Thiago, ein alter brasilianischer Freund, seine japanische Verlobte und wir beide übrig, als ich sie endlich gefunden hatte. Da wir uns lange nicht mehr gesehen hatte entschieden wir, essen zu gehen. Samstagabend und spät essen ist in Sendai so eine Sache. Man muss schon Glück haben, um etwas Anständiges zu finden. Dazu stand es den Beteiligten auch noch nach Yakiniku, übersetzt heißt das „selbst gebratenes Fleisch“. selber-grillen
Zum Glück wusste der Vegetarier der Runde Rat. In der Nähe befindet sich ein Restaurant, das ich das erste Mal vor über drei Jahren mit meinen Eltern besuchte und in dem ich seitdem als Stammkunde gelte. Zum Glück wissen die nichts darüber, dass ich eigentlich nicht mal ihr Hauptessen – nämlich Fleisch – esse. Wie der Zufall so wollte, wurde auch just in dem Moment ein Tisch frei, als wir ankamen und das Essen konnte beginnen. Obwohl wir ein Menü für zwei Personen zu viert verspeisten, war das Essen sehr gut und ich freute mich über das gebratene Gemüse und die Beilagen, welche an mir hängenblieben. Die „Fleischfresser“ wissen halt die Soßen und Salatblätter gar nicht richtig zu würdigen! Aber auch ansonsten bestellten wir ein paar vegetarische Sachen, so dass für jeden etwas dabei war. Als wir gehen wollten, stand dann auch die Kellnerin bereit, welche uns noch eine Kugel Eis auf Kosten des Hauses ausgab.

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Bis zu diesem Zeitpunkt war auch noch alles normal und nicht berichtenswert. Beim Bezahlen fiel uns dann aber etwas ganz anderes auf. Man kennt das ja, dass in Deutschland die Rechnung zuerst beim Mann landet. Diesen Punkt hätten wir ja noch verstanden, aber dass, nachdem der Mann bezahlt hat, die Frau das Rückgeld erhält, das war dann doch reichlich ungewohnt! Wie sich herausstellte, erhalten in Japan die Männer von ihrem Lohn nur ein Taschengeld, während die Frauen für die Familienfinanzen zuständig sind. Aus diesem Grund gehen die Kellner davon aus, dass die Frau dem Mann vor dem Bezahlen das Geld gegeben hat und dann auch das Rückgeld gleich wieder in Verwahrung nimmt. Nun wollten wir es natürlich genauer wissen und wirklich, wenn man mal darauf achtet stellt man fest, dass dieses Verhalten hierzulande wirklich gang und gäbe ist, wir es aber immer nur auf Sprachprobleme geschoben haben. Wer als Mann also mit seiner Freundin oder Frau nach Japan kommt und nicht am Ende mittellos dastehen möchte, der sollte eventuell auf diese Eigenheit der japanischen Gesellschaft achten.

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In welchem Programm bist du?

Es sollte ein ganz normaler Arbeitstag in Sendai werden. Früh aufstehen, ins Büro gehen und dann lange arbeiten, eigentlich also wie immer. Letzte Woche wurden meine Pläne aber schnell umgestoßen, dabei fing der Tag ganz normal an. Aber von vorne:
Mein Kenkyushitsu verfügt über drei Kommilitonen, welche für mich als Ansprechpartner für wirklich interessante Gespräche zur Verfügung stehen. Zum einen wäre da natürlich Shimizu zu nennen, welcher noch für sechs Monate Wien unsicher machen wird. Zum anderen gibt es noch Norihiro, welcher immer gut als Gesellschaft geeignet ist, aber leider eine sehr hohe Arbeitsmoral hat und aus diesem Grund kaum Freiheit. Die dritte Person im Bunde ist Kei. Kei ist eine junge Japanerin, welche schon zwei Jahre im Rahmen von Austauschprogrammen in Deutschland gelebt hat. Leider fand ihr letzter Austausch dabei in den letzten 12 Monaten statt, weshalb ich seit meiner Ankunft eigentlich nur Norihiro hatte. Dies ändert sich nun. Ihr Austausch ist beendet und ich schaffte es natürlich, ihr an ihrem ersten Tag gleich auf dem Weg in die Universität zu begegnen. Nach einem langen Kaffeegespräch lud sie mich ein, doch ihren alten Tandempartner aus Heidelberg zu treffen. Ein Angebot wie dieses kann ich natürlich unmöglich ausschlagen. Mit Robin traf ich erst den dritten deutschsprachigen Studenten seit meiner Ankunft im letzten Jahr und es entstand das längste Gespräch mit einem deutschen Studenten.
Da die Frage immer wieder aufkommt muss ich gleich sagen, dass ich nicht so etwas wie Heimweh empfinde. Natürlich vermisse ich manchmal Sachen und Menschen aus Deutschland. Ich würde natürlich auch nicht abgeneigt sein, einem Spiel des ruhmreichen 1. FC Magdeburg beizuwohnen. Aber ich empfand in Deutschland ein größeres Fernweh als hier in Japan Heimweh. Im Endeffekt ist Sendai auch schon meine zweite Heimat geworden, mehr als es Göttingen je sein könnte, da es auch von der Größe näher an meinen Vorstellungen liegt. Trotz dieser Umstände und der Tatsache, dass ich fließend Englisch spreche, war es trotzdem angenehm, mal wieder in der eigenen Sprache zu sprechen und jemanden gegenüber stehen zu haben, der den gleichen kulturellen Hintergrund hat. Einzig die obligatorisch erste Frage, in welchem Programm ich hier sei, fand ich immer noch fehl am Platz. Bei meinem ersten Aufenthalt hier in Sendai haben wir uns als Vertreter einer Uni vorgestellt, um gewisse Voreinordnungen vornehmen zu können. Dieses System finde ich persönlich immer noch viel besser, als die Gruppierung nach dem Programm, in dem ich die Universität besuche. Die Mentalität, nur mit den Leuten aus dem eigenen Programm näher zu kommunizieren, scheint aber neuerdings hier stark vertreten zu sein.
So verbrachten wir den halben Tag miteinander und das Arbeiten kam etwas zu kurz. Aber es muss ja auch solche Tage geben. Er zeigte sich sehr beeindruckt von unserem Lab und meine Tutorin, welche seit Wochen nicht mehr ihren Tutorpflichten nachgekommen ist, nutzte gleich die Möglichkeit, mit ihm zu flirten. Ein Freund von Shimizu wusste gar nicht wie ihm geschah, als Robin in das Lab kam und meine Tutorin ihn gleich zusammenfaltete, er soll doch gefälligst schnell Tee machen. Aus Solidarität stellte ich mich zu ihm und wir kamen in ein kurzes Gespräch, wonach er auf einmal mein Tutor für das nächste Semester werden möchte. Es freut mich ja, beliebt zu sein. Aber ich muss unbedingt mit Herrn Professor Morimoto sprechen, nicht dass der arme Norihiro schon wieder übergangen wird.
So vergingen die Stunden in Erzählungen über Deutschland und Lästereien über Japan, bis sich Kei und Robin verabschiedeten. Nun endlich, so dachte ich jedenfalls, könnte ich mit dem Arbeiten anfangen. Eine Fehleinschätzung, wie mir der anschließende Feueralarm zeigte. Wie sich herausstellte, sollten die Aufnahmetests für die Uni stattfinden und das Gebäude sollte in Anbetracht der vorlesungsfreien Zeit dafür geräumt werden. Wie immer hatte mich natürlich niemand gewarnt und so verbrachte ich auch noch die nächsten Tage damit, am Morgen vor der Tür des Gebäudes zu stehen, nur um festzustellen, dass immer noch geprüft wurde. Besonders ins Auge fielen dabei die Eltern, welche bei Minusgraden vor der Tür warteten, nur um dem Kind bei einer Pause noch einmal die wichtigsten Fakten um die Ohren zu hauen.

So wurde aus meinem vollen Arbeitstag, einige Stunden Deutsch reden und im Anschluss eine Zwangspause im Verbund mit Bibliotheksarbeiten, aufgrund der Prüfungen. Trotzdem hat es sich gelohnt und ich freue mich Kei, wieder im Lab zu haben, besonders, da Masami, eine weitere Bezugsperson hier im Gebäude, wohl auch bald Sendai verlassen wird.

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Wer braucht schon einen Autoclub, wenn ein Deutscher des Weges kommt?

Tja, das hat man nun davon! Seit Monaten witzeln die Vermieterin und Orsolya, dass es doch im Vergleich zum letzten Jahr gar keinen Schnee gibt. Jetzt ist er da und mit über 40 cm haben wir auch gleich einen neuen Rekord in Sendai für die letzten 50 Jahre aufgestellt. Nach drei Tagen war der Spuk aber vorbei und langsam richteten wir uns auf Normalität ein. Die Ruhe hielt aber nur kurz an. Am Freitag begann der Schnee erneut zu fallen und die Stadt in eine extreme Winterlandschaft zu verwandeln. Die Straßen waren dicht, die Busse und Bahnen fuhren nicht mehr und das Leben in der Stadt schien für eine kurze Zeit einfach anzuhalten.
Natürlich wäre es langweilig, wenn bei diesem Wetter alles normal ablaufen würde und so mutierte ich zum Autoretter. Am Freitag wanderte ich in Gedanken versunken durch die örtliche Amüsiermeile Kokubuncho. Eigentlich erwartete ich, dass aufgrund der ansässigen Bars die Straßen hier wirklich befreit wurden, um die Sicherheit der Kunden zu bewahren, aber ich wurde durch ein unschönes Geräusch eines Besseren belehrt. Eine Dame war mit ihrem Auto in einem Loch in einer Eisscholle gefangen. Die halbe Straße war vereist und die Dame hatte es geschafft, in genau das eine Loch zu fahren, wo sie ohne Hilfe nicht mehr herauskommen sollte. Neben dem Auto stand schon ihre Beifahrerin und rief ständig Befehle an die Fahrerin. Auch ohne fließend die Sprache zu beherrschen war schnell klar, so viele Unterschiede gibt es nicht – trotz 10.000 km zwischen Japan und Deutschland. Eine unbändige Flut von Befehlen von “dreh nach links” bis “nein, das andere Links” erreichte mein Ohr und es war klar, da muss ich helfen. Zwei Straßenarbeiter sahen das genauso, während die Polizei belustigt zusah. Zu dritt schafften wir es, der verständlicherweise panischen Dame Anweisungen zu geben, wie sie wirklich lenken soll. Gemeinsam gelang es uns dann, das Auto auf die Eischolle zu schieben, damit sie losfahren konnte und damit war die Straße für die anderen Autos wieder frei.
Zum Glück war es aber nur für eine kurze Zeit derartig schlimm mit dem Schnee und er verwandelte sich am Sonntagabend in Eisregen, welcher die Hauptstraßen freispülte. Mittlerweile stehen wir aber vor ganz anderen Problemen. Alleine vor unserer Haustür haben wir vereiste Schneemauern von 1 bis 2 Metern Höhe. Wenn diese abtauen, wird die Stadt im Wasser untergehen. Bevor es aber so weit kommt galt es am Samstag, die nächste Katastrophe mit einem Auto zu bekämpfen. Während wir zuhause kochten fiel mir auf, dass noch einige Zutaten fehlten. Das ist an sich kein Problem. Wozu hat man zwei Supermärkte in nächster Nachbarschaft? Kurzerhand schlüpfte ich in meine Halbschuhe und rannte in meinem kurzärmligen Hemd die zwei Minuten im Schneewirbel rüber zum Markt. Schon dabei fiel mir ein junger Mann auf, der mit Warnblinklicht in der Einfahrt zur Bank parkte, welche genau zwischen dem Supermarkt und meiner Wohnung liegt. Aber erst bei meiner Rückkehr verstand ich sein Problem. Mittlerweile hatte sich ein Polizist der örtlichen Außenstelle auf der anderen Seite der Straße eingefunden und mit zwei Schaufeln bewaffnet versuchten sie, das Auto zu befreien. Zu zweit waren sie aber machtlos, so dass ich auch noch bei den Versuchen half, das Auto zu schieben. Wie es aussah, stand sein Auto in so hohem Schnee, dass es einfach feststeckte. Nachdem klar wurde, dass zu dritt nichts zu machen ist, erschien auf einmal ein Polizeiauto und vier hochmotivierte Polizisten sprangen zur Rettung heraus. Man sollte meinen, zu fünft sollte es leicht sein, das Auto zu retten, aber mehrere Minuten verstrichen und noch immer drehte das Rad nur durch und weder ein Vorwärts noch ein Rückwärts war möglich. Erst als neben den fünf Polizisten auch ich noch einmal am Auto anfasste schafften wir es mit vereinten Kräften, das Auto aus dem Schnee zu bekommen. Nach zehn Minuten war die Rettung erfolgt und für mich die Zeit der Flucht gekommen. Zwar lag das Augenmerk der Herren in Blau noch bei dem Autofahrer, welcher nun seine Papiere zeigen sollte, so langsam dämmerte es aber den Anwesenden auch, dass ein komischer Ausländer im kurzärmligen Hemd ihnen gerade geholfen hatte. Ehe sie herausbekommen konnten, wie man auf Englisch nach meinen Papieren fragt, hatte ich es aber schon um die Kurve zu meiner Wohnung geschafft, um mich aufzuwärmen. Autoretten im Winter ist das eine, aber noch die Bürokratie im Schneesturm – nein, das musste wirklich nicht sein!
autofahrrader
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Kostenlose Schokolade

„Hey Reik, kennen Sie eigentlich den japanischen Valentinstag? Da müssen Sie unbedingt da sein, denn es gibt viel Schokolade für die Männer. Das ist einer der wichtigsten Tage hier im Büro für diesen Monat!“ Solch ein Gespräch erwartet man normalerweise zwischen Studenten, aber das „Sie“ zeigt es schon an, es handelt sich um ein Gespräch zwischen meinem Professor und mir, welches ich vor einigen Tagen im Fahrstuhl führte. Diese Vorfreude ist für einen Europäer eventuell etwas schwerer zu verstehen. Hier in Japan wird der „Tag der Liebe“ aber etwas anders begangen, als man das bei uns kennt. Zum Valentinstag wird von den Frauen erwartet, Schokolade für die Herrenwelt zu besorgen. Dabei wird die Schokolade in verschiedene Kategorien eingeordnet. Ein einfacher Kollege oder Mitstudent erhält eine Verpflichtungsschokolade. Diese Schokolade ist meist relativ klein und wird nur aufgrund der sozialen Konventionen besorgt. Im Fall von Studenten fällt es dabei natürlich schwer, genug Schokolade für jeden Anwesenden zu besorgen. Deshalb werden meist Schokoladensets auf dem Tisch zurückgelassen und wer rechtzeitig da ist, bekommt etwas davon. Erwartet wird diese Schokoladenverteilung dabei von allen weiblichen Mitgliedern eines Büros, also auch von den Ausländern. Orsolya, vergesslich wie eh und je, hatte natürlich an diese Konvention nicht gedacht und musste kurzerhand deutschen Lebkuchen, welcher zum Glück noch von Weihnachten übrig war, als Ungarischen verteilen.
Neben dieser Schokolade gibt es dann auch noch die normale Valentinsschokolade. Diese wird besonders gerne selber gemacht und möglichst Pink verpackt. Je mehr Pink bei der Verpackung eingesetzt wird, desto mehr bedeutet einem der Beschenkte. Für uns Männer dagegen ist der Valentinstag ein einziger Schlemmertag. Rückgeschenke werden erst einen Monat später, am 14. März, erwartet. Dabei muss man dann noch nicht mal allen Damen, die dich beschenkt haben, weiße Schokolade überreiche. Nein, es reicht, wenn die Schenkerinnen von echter Valentintagsschokolade bedacht werden. Die Schenkerinnen von Verpflichtungsschokolade bleiben außen vor. Man merkt, bei Frauen ist der Tag weniger beliebt als bei Männern. Das ist ein Umstand, der in Deutschland wohl komplett entgegengesetzt wäre.
In Anbetracht dieser Aussichten entschied ich mich, den Tag schon sehr früh im Büro zu beginnen und mir das Schauspiel genau anzuschauen. Man muss feststellen, dass wir in unserem Lab ein ungleiches Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Mitgliedern haben. Der Frauenanteil ist um einiges höher als der Männeranteil. An diesem Tag sollte es aber umgekehrt sein. Nur wenige Frauen mit Schokolade verirrten sich ins Lab, während alle männlichen Gesichter, auch die, welche seit Wochen nicht anzutreffen waren, den Weg in das Büro fanden. Die Schokolade war dabei sehr reichhaltig. Aber ich musste trotzdem enttäuscht feststellen, dass eine Rieko fehlt, welche mir bei meinem letzten Valentinstag immerhin ein persönliches Stück Schokolade schickte, wenn es auch in Blau verpackt war.
Den Abend verbrachten wir dann in der Innenstadt und besuchten ein japanisch-französisches Restaurant. Dafür, dass dieses Restaurant nach deutschem Vorbild einem Sternerestaurant ähnlich war, waren die Preise angenehm gering. Auch die Verbindung von japanischen Zutaten wie Tofu und Natto mit der traditionellen französischen Küche war schon ziemlich genial. Als erste europäische Ausländer, die dazu noch an Valentinstag vorbeischauten, erzeugten wir aber beim Personal für meinen Geschmack etwas zu viel Aufmerksamkeit. Alle paar Minuten schaute ein Kellner über die Balustrade um zu fragen, ob es schmeckt und wie unsere Meinung zu den Gerichten sei. Der Kellner ging so weit, kurz mit mir Deutsch zu sprechen, wobei seine Sprachkenntnisse nicht weit über das Wort „Scheiße“ hinaus gingen, er hatte aber sichtlich seinen Spaß. Verabschiedet wurden wir mit einem Gutschein für den nächsten Besuch und ein Koch, ein Kellner und der Besitzer entließen uns mit Verbeugungen in den Schnee. Es lässt sich auf jeden Fall festhalten, dass es trotz der guten japanischen Küche nicht schadet, auch mal andere Sachen zu probieren. Der Schnee aber sollte sich noch zu einem Problem entwickeln….

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Schnee

Das hat man nun davon! Vor ein paar Tagen amüsierte sich unsere Vermieterin noch darüber, dass es in diesem Jahr keinen Schnee gibt und jetzt schlägt das Wetter unnachgiebig zurück. Es war ein ganz normaler Samstag mit einigen Plänen. Etwas von der Stadt sehen, meinem Rad den Auslauf gönnen, welchen es verdient hat. Als ich aber vor die Tür trat, da kam ich mit dem Rad auf einmal nicht mehr voran und durfte laufen. Der Winter hat Sendai im Griff. Es sind ca. 50 cm Schnee gefallen und die Straßen sind weiß. Überraschenderweise stellte dieser Wintereinbruch die Stadt weniger vor ein Problem, als das die deutschen Medien mit Hinweis auf Tokyo darstellen. Tokyo, wo es wohl sogar Tote gab, ist eine Stadt, welche von den Temperaturen wohl auf einer Höhe mit Süditalien liegt. Dementsprechend reicht dort auch nur ein wenig Schnee, um einen Notstand auszurufen. Hier in Sendai dagegen hörte man kaum einmal eine Sirene. Die Autos scheinen hier allesamt mit Schneeketten bestückt zu sein, welche man auch sofort aufzog. So vorbereitet verringerte sich natürlich die Gefahr von Unfällen. Auch die Menschen sind vorbereitet und jeder Dritte hat Schuhe mit Spikes an, um bei dem Wetter nicht so leicht umzufallen. Alles in allem kann man also die Natur genießen und hoffen, dass der Schnee noch eine Weile anhält. Bis dahin hier noch einige Impressionen des Schnees in Sendai: Leider sind sie nur von der Innenstadt, da der Schneefall leider verhinderte, dass ich anständige Aufnahmen vom Flussufer schießen konnte, welches momentan wirklich romantisch in Weiß gehüllt ist.
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Meine armen Haare

Es gibt einige Sachen, da bin ich ziemlich eigen. Eine der größten Problemstellen dürfte dabei wohl mein Haar sein. Seit ich das Vergnügen hatte, dass ein Friseur kurz vor meinem Abitur die Haare trotz meiner gegenteiligen Wünsche auf Minimallänge stutzte und darauf auch noch stolz war, vermeide ich es, zu unbekannten Friseuren zu gehen oder überhaupt einen zu besuchen. Ergebnis dieser Abneigung waren grob geschätzte 70 cm lange Haare. Einige Wenige hatten ihre Probleme damit, ich war aber ziemlich zufrieden und auch hier in Japan waren meine Haare ein Alleinstellungsmerkmal. Noch heute werde ich hier auf offener Straße  von fremden Menschen angesprochen, wo meine Haare geblieben sind, sie hätten sie doch so gemocht. Nun ergab sich aber mit dem Beginn des neuen Studiums mein Wunsch, etwas zu ändern und die Haare mussten daran glauben. Mit dieser Entscheidung entwickelten sich neue Probleme. Zuallererst ist es auf dem Kopf im Winter nun viel kälter. Aber das wirkliche Problem ist nun, dass ich mich das erste Mal hier in Japan mit dem Thema Friseur auseinandersetzen muss.

Zu dem Thema muss man wissen, hier in Japan wird das Haar offensichtlich höher geschätzt. Preise um die 100 Euro für einen Friseurbesuch sind weniger die Ausnahme, als die Regel. Dafür findet man Friseure an allen Ecken und die Angestellten sind durch das Fenster betrachtet zumeist männlich. Die größte Überraschung war aber vor meinem Aufenthalt eine Umfrage eines japanischen Freundes, welcher sich später einmal eine Existenz als Friseur aufbauen möchte. In dieser Umfrage wurde gefragt, wie oft das Haar schamponiert werden muss, damit der Befragte mit seinem Friseurbesuch zufrieden ist. Einmal oder gar nicht, war dabei nicht als Antwortmöglichkeit vertreten. Man merkt, für jemanden, der Friseure meidet, waren die ganzen Punkte schon extrem abschreckend. Zudem haben fast alle Japaner den gleichen Haarschnitt, welchen man in Deutschland für ein Zehntel des Preises erhalten würde.

Betrachtet man die Situation, so dürfte es den geneigten Leser nicht verwundern, dass ich den Gang zum Friseur verzögerte. Mittlerweile ist es aber nun so akut geworden, dass ich meine weiblichen Bekanntschaften ausfragte, welchen Friseur sie empfehlen würden. Die einzige hilfreiche Antwort kam dabei von Masami, welche mir einen Herrn im gleichen Gebäude wie die Japanisch-Deutsche Gesellschaft vorschlug. Entsprechend ihrer Empfehlung ging es also mit Orsolya und guten Wörterbüchern bewaffnet am späten Abend dort hin. Der Friseur schließt um 19 Uhr und ich erreichte seinen Laden um 18.30 Uhr. Dreißig Minuten, das sollte ja eigentlich reichen, dachte ich. Tja, fast. Dankbarerweise nahm man mich dran und ein vorheriger Kunde, welcher in England gelebt hat und perfektes Englisch sprach, übersetzte gleich für mich. Zu diesem Zweck blieb er die ganzen zwei Stunden meines Friseurbesuchs im Laden und verwickelte Orsolya und mich in ein Gespräch. Ohne ihn wäre es aber auch wohl nichts geworden. Der Friseur sah sich angesichts meines Eierkopfs ziemlich unter Druck gesetzt. Den ganzen Schnitt über verglich er für die anderen Anwesenden den europäischen Kopf mit dem japanischen Gegenstück. Seines Erachtens ist der japanische Kopf viel einfacher zu schneiden. Das mein Kopf dabei nicht unbedingt ein Maßstab sein muss, das fiel ihm dabei nicht auf. Ist ein Friseurbesuch in Japan nun anders als in Europa? Auf jeden Fall! Das fängt schon mit dem Umhang an, welcher Armlöcher hat, und geht mit der Schnitttechnik weiter. Zuerst wird der Kopf dabei trocken vorgeschnitten, um ihn im Anschluss zu waschen und danach die letzten Feinheiten zu erledigen. Dazu ist das gesamte Ambiente eher an einen Beautysalon angelehnt, als an einen Friseur. Für Europäer ist das wiederum weniger etwas, da die Stühle nicht immer unbedingt europäische Mindestmaße haben. belohnung-nach-dem-friseurAber ich fühlte mich gut betreut, wenn auch etwas vorgeführt durch die ewigen Vergleichen der Köpfe. Nur etwas zu kurz hat der Herr für meinen Geschmack geschnitten, was aber auch an Orsolyas ewigen „kürzer, kürzer“ Rufen gelegen haben mag. Nach zwei Stunden waren wir dann endlich fertig und der sichtlich erschöpfte Friseur gab uns noch Rabatt auf den Haarschnitt, da er gerade kein Wechselgeld hatte. Zum Abschied versicherte ich ihm aber auf jeden Fall, dass er noch Übung beim Schneiden von europäischen Köpfen bekommen wird, da ich wiederkomme. Ach und wer glaubt, dass ich mich aufgrund der Sprache nicht verständigen konnte, der liegt falsch. Schnell stellten wir fest, dass wir beide Fußball mögen und so verbrachten wir die Zeit damit, über Fußball zu reden und natürlich, um Werbung für den besten deutschen Verein, den ersten Fußballclub Magdeburg, zu machen.

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Upgrade Fahrrad 3.0

Vor drei Jahren leistete mir ein Gegenstand hier in Sendai unsagbare Dienste: Obwohl Sendai eine Millionenstadt ist, ist das Fahrrad eines der wichtigsten Gegenstände, die ein Austauschstudent besitzen kann. Der Weg zur Uni, in die Innenstadt oder die Außenbezirke, ohne Fahrrad sind dies alles weite Wege, die kostbare Zeit beanspruchen. Vor drei Jahren entschied ich mich für eine relativ teure Variante eines Gebrauchtrades. Während die meisten Austauschstudenten Räder kauften, welche schon vom Ansehen zusammenbrachen, entschied ich mich für ein Alltagsrad mit vergleichsweise hohem Rahmen und einem gepflegteren Zustand. Dass das Rad blau war, half mir bei der Entscheidung natürlich auch.

Während in dem Jahr ein Rad nach dem anderen kaputt ging und ich mehr als einmal als Mechaniker einspringen musste, hielt mein Rad durch. Es fuhr die meisten Kilometer gegenüber den Rädern aller meiner Kommilitonen und trotzdem hielt es bis zum Schluss. Dank einer längeren Sattelstange aus Deutschland wurde das Rad zwar nicht sicherer, aber es erreichte eine Größe, welche für mich geeignet war. Dieses Rad, mit der passenden Aufschrift „Reisender“ wurde aus Shimizu Verwahrung gestohlen, als ich mich schon wieder in Deutschland befand. Dass ich noch bis heute auf Parkplätzen meinen Blick schweifen lasse, ob ich es nicht doch noch einmal erblicke, sagt wohl alles über seine Qualität aus.

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Nach einem kurzen Abstecher auf ein anderes Allerweltsrad, welches schon beim Anschauen zusammenbrach, erhielt ich die Schlüssel zu meinem jetzigen Rad. Es ist ein silbernes Mountainbike, welches seine besten Tage schon vor Jahren hatte. Der Rahmen ist schwer, die Gänge funktionieren schon lange nicht mehr und ich möchte gar nicht wissen, auf wen das Rad eigentlich registriert wurde. Ich erhielt das Rad aus den Beständen eines alten Freundes aus Schweden, der vor drei Jahren hier mit mir in Sendai war. Aber die Vermutungen gehen davon aus, dass es sich um ein typisches Rad handelt, welches von Generation zu Genration von Ausländer zu Ausländer weitergereicht wurde. Trotz vieler Zuwendung, regelmäßigen Reparaturen und viel Pflege werden dieses Rad und ich wohl keine Freunde mehr. Nachdem die Bremsen trotz regelmäßiger Erneuerung sehr schnell den Geist aufgeben, habe ich dem Rad schon den Spitznamen „Kamikaze“ gegeben. Nicht, dass dieser Fahrstil nicht sowieso angeblich meinem sehr nahe stehen soll! Doch fände ich es sehr angenehm, an Bergen mein Rad auch zum Stehen zu bringen.

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Es half alles nichts, es wurde Zeit, wieder auf die Suche zu gehen und ein neues Rad zu finden. Dank freundlicher Spenden aus Deutschland entschied ich mich, es dieses Mal richtig zu machen. Keine halben Sachen, sondern ein Rad, das halbwegs meiner Größe entspricht und mich für das anstehende Jahr auf meinen Wegen begleiten wird. Nach langer Suche ist es jetzt endlich da! Darf ich vorstellen: Das GT Transeo, ein Stadtfahrrad mit Bergqualitäten, 24 Gängen und Aluminiumrahmen, der fast meiner Größe entspricht. Und muss ich noch erwähnen, dass es blau ist? Ich hoffe, dass es mir so gute Dienste erweist, wie es seine Vorgänger taten!

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Der Weg zu diesem Rad war aber ein sehr holpriger. Man sollte meinen, ein Fahrrad zu kaufen kann doch gar nicht so schwer sein. Tja, dachte ich auch. Schon am Anfang meines Aufenthaltes hatte ich begonnen, mich nach Rädern umzuschauen. Aber nicht einmal ein normales Rad wie ich es 2010 hatte, was auch nur halbwegs meiner Größe entsprochen hätte, konnte ich finden. Zu meinem Glück traf ich Mohammed. Mein alter Doktor und Kumpel hatte sich gerade ein neues Rad gekauft und empfahl mir dieses sofort weiter. Am Abend wollte er mir die Adresse senden. Leider wurden aus dem Abend mehrere Monate und ich suchte weiter nach einem Rad. Nicht zuletzt auf Druck von Orsolya, die meine Flüche auf meinem Ersatzrad nicht mehr hören konnte und meinte, man bräuchte zum Radfahren Bremsen, intensivierte ich im Dezember meine Suche. Ich erreichte auch endlich Mohammed, der nach einigen Reisen mal wieder in Sendai weilte. Das Rad seiner Empfehlung gab es zwar online nicht mehr, aber einige größere Räder von dieser Marke. Da mir die Verarbeitung zusagte, begab ich mich in Sendai auf die Suche. Ganz ohne die Räder live gesehen zu haben, wollte ich dann doch nicht kaufen.

So begann meine Tour de Sendai. Ich besuchte jeden Radladen, den ich finden konnte und das Ergebnis war ernüchternd. Weder hatten sie auch nur in Ansätzen Räder in meinen Größen noch wollten sich die Mitarbeiter in einigen Läden mit mir beschäftigen. Die größte Enttäuschung war dabei der größte Sendaier Radladen in der Innenstadt. Dort hatte man zu meiner Überraschung eines der Räder, welches ich suchte. Das Problem ist dabei aber, dass die Rahmen trotz gleichem Hersteller unterschiedliche Beschriftungen haben. Einige Radtypen haben Größen zwischen S – M und L, während andere noch XL haben. Aber als Körpergröße für die XL-Räder werden die gleichen Werte angeben, wie für die L-Räder. Also ging ich zu einem Angestellten und erkundigte mich freundlich auf Japanisch, welches Rad denn nun bei meiner Größe angemessen wäre. Die Antwort überraschte mich, denn im gebrochenen Englisch erklärte mir der Herr, dass ich doch bitte Japanisch sprechen soll, er würde kein Englisch können. Ich stand da wie vor den Kopf geschlagen. Zwar versuchte ich es erneut und er verstand meine Frage. Die Antwort war aber so unbefriedigend, dass ich mir schwor, nie etwas in diesem Laden zu kaufen. Sowieso passiert mir derartiges öfter. Japaner sehen mich und gehen instinktiv davon aus, dass ich nur Englisch könnte und versuchen deshalb, mein Japanisch als Englisch zu verstehen. Zum Glück blieb dies bei der Radsuche aber ein Einzelfall und in anderen Läden entstanden interessante Gespräche, wie das Folgende, welches ich nicht vorenthalten möchte:

R: Ich brauche ein Rad in meiner Größe.

V: Mhhh, kein Problem, wir haben hier Räder in L, das geht bis 190.

R: Ich bin 194 cm.

V: 194, sage ich ja, gar kein Problem….. (Zu sich selber: 194… welches wäre da gut…)…. [überrascht] 194?

R: 194 cm.

V: Wer wird denn so groß? Ähmmmmm, ich muss dringend telefonieren…… [5 min später] Ich habe unseren Großhändler angerufen, das wird schwer. Sie sind wirklich 194 cm groß?

Nach langem hin und her hatte ich mich Anfang Januar aber endlich entschieden und wollte ein Rad kaufen. Zufällig gab es seit diesem Tag aber das Rad nicht mehr, welches ich eigentlich wollte. Die Situation stand also wieder auf Anfang. Während mich mehrere, ebenfalls nicht immer radkundige Menschen berieten, wofür ich mich hiermit noch einmal ausdrücklich bedanken möchte, kristallisierten sich zwei Räder heraus, welche interessant waren. Das eine verfügte dabei über konventionelle Bremsen und das andere über Scheibenbremsen. Beide Typen haben Vor- und Nachteile. Ich hatte mich aber natürlich noch nie mit dem Für und Wider beschäftigt. Erneut gingen Wochen ins Land, ehe ich mich (mehr oder weniger auch durch die Feststellung aller Beteiligter, dass ich mir langsam kein neues mehr kaufen muss, wenn ich mit der Geschwindigkeit weitermache) endlich für mein jetziges Rad entschied. Hoffentlich war es die richtige Entscheidung, aber jetzt ist sie nicht mehr zu ändern. Danke noch einmal an alle Gönner und Berater und entschuldigt mich bitte, es wird Zeit, mein Rad einzufahren und die Stadt weiter zu erkunden!

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Dontosai

Es ist früher Montagmorgen und nach einigen Tagen in Tokyo freue ich mich, endlich mal wieder das Büro zu betreten. Immerhin gibt es einiges zu besprechen und das erste Mal meine Kommilitonen im neuen Jahr zu treffen. Eigentlich hätte es mir schon von vornherein komisch vorkommen müssen: Die Straßen sind relativ leer, keine Busse zu sehen und die Polizei fährt verdächtig viele Streifen, irgend etwas konnte nicht richtig sein. An der Uni kam dann die Erleuchtung: Es ist Feiertag. Anfang Januar feiern die Japaner am Sonntag den Übertritt ihrer Kinder ins Erwachsenenalter. Zu diesem Zweck geht es in die Heimat, die teuersten Kimonos werden übergeworfen und dann mit der Familie der örtliche Tempel besucht. Da solche Reisen Zeit brauchen, hat der japanische Staat den folgenden Montag auch gleich noch zum Feiertag ernannt. Schließlich sollen auch wirklich alle Kinder die Möglichkeit haben, diesen Tag zu begehen. Nur einer wurde mal wieder nicht informiert und so saß ich ziemlich alleine im Büro und nutzte die Zeit, meine zusammengescannten Unterlagen aus Tokyo auszudrucken. Immerhin ergaben sich dadurch neue Erkenntnisse.

Seit Monaten plane ich Archivbesuche in die Universitätsarchive von Tokyo. Dort wurde mir erklärt, dass dies momentan wegen Krankheit nicht möglich sei, aber ich mich doch einfach mittels E-Mail an die Verantwortlichen wenden solle. Die Unterlagen würde ich Online finden. Das wäre ja eigentlich kein Problem. In Deutschland sind die Archive auch immer sehr hilfreich und kümmern sich um ihre Nutzer. Nicht so hier in Japan. Auf Anhieb konnte ich keine Seite finden. Wofür habe ich aber eine Tutorin? Kurzerhand kontaktierte ich sie und bat, mir doch die Kontaktdaten herauszusuchen. Schade nur, dass sie das gesamte Konzept Archiv überraschte und sie noch nie von solchen Einrichtungen gehört hat. In meiner Verzweiflung versuchte ich am folgenden Tag, meinen Mitstudenten den Zusammenhang zu erklären, die es ebenfalls einfach nicht verstehen wollten. Also taten sie das einzig Richtige und holten die Sekretärin. Bekanntlich haben wir beide unsere Differenzen, welche sich eigentlich nur darin zeigen, dass sie einfach nicht mit mir spricht. Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder. Sie sprach mit mir und interessierte sich wirklich für mein Thema. Die Zusammenhänge meiner Arbeit mit Last Samurai, einem ihrer Lieblingsfilme, kannte sie so zum Beispiel noch gar nicht. Dabei basiert die Geschichte lose auf dem Leben eines französischen und eines deutschen Generals. Auch bezeichnend ist wohl, dass sie jetzt nach immerhin vier Monaten verstanden hat, dass ich kein Japanologe sondern Historiker bin. Mit ihrer Hilfe ging die Informationssuche weiter. Sie kennt sich bei Archiven zwar auch nicht aus, verstand aber genug, um zu suchen. Sie fand für mich eine Kontaktperson, an die ich mich jetzt als nächstes wenden werde. Immerhin scheint sich im Büro damit einiges zum Besseren zu wenden. Einen Kawamura kann sie leider zwar noch lange nicht ersetzen, aber mit ihrer Hilfe dürften meine weiteren Forschungen einfacher verlaufen.

Gleichzeitig zeigte es sich am Tag nach dem Feiertag, dass die Polizei nicht deswegen verstärkt Präsenz gezeigt hatte. Ich bemerkte, dass die Straße an meiner Wohnung einmal mehr festlich geschmückt war. Es bestand auch fast keine Möglichkeit, in Richtung Universität zu kommen, da dies entgegen der Stromrichtung vieler Menschen verlief. Es war Dontosai. Das ist ein Fest, bei dem die Glücksbringer des letzten Jahres verbrannt werden, weil sie sonst Unglück bringen würden. Nebenbei gesagt, ist dies eine geniale Marketingkampagne! Auf diese Weise sind die Menschen gezwungen, die überteuerten Glücksbringer erneut zu kaufen. Gleichzeitig wird ein Fest, ähnlich wie ein Osterfeuer, am Tempel veranstaltet. Dazu schicken alle Firmen der Stadt Läufer in Sühneroutfits, um Gaben für das Glück im neuen Jahr zu bringen. Das kann Fisch sein, aber auch andere Gaben sind möglich. Die Outfits entsprechen dabei weißen Binden, welche den Bauch verdecken, aber die Brust und den ganzen Oberkörper der männlichen Läufer frei lassen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist dies eine zumindest fragwürdige Kleidung. Während ich mir das Schauspiel mit kurzärmligem Hemd und Jacke anschaute, trugen die restlichen Zuschauer zumeist mehrere Schichten an Kleidung und Schals und erfreuten sich sichtlich, nicht an dem Fest als Läufer teilnehmen zu müssen. Wer kann es ihnen verübeln?

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