Wer braucht schon einen Autoclub, wenn ein Deutscher des Weges kommt?

Tja, das hat man nun davon! Seit Monaten witzeln die Vermieterin und Orsolya, dass es doch im Vergleich zum letzten Jahr gar keinen Schnee gibt. Jetzt ist er da und mit über 40 cm haben wir auch gleich einen neuen Rekord in Sendai für die letzten 50 Jahre aufgestellt. Nach drei Tagen war der Spuk aber vorbei und langsam richteten wir uns auf Normalität ein. Die Ruhe hielt aber nur kurz an. Am Freitag begann der Schnee erneut zu fallen und die Stadt in eine extreme Winterlandschaft zu verwandeln. Die Straßen waren dicht, die Busse und Bahnen fuhren nicht mehr und das Leben in der Stadt schien für eine kurze Zeit einfach anzuhalten.
Natürlich wäre es langweilig, wenn bei diesem Wetter alles normal ablaufen würde und so mutierte ich zum Autoretter. Am Freitag wanderte ich in Gedanken versunken durch die örtliche Amüsiermeile Kokubuncho. Eigentlich erwartete ich, dass aufgrund der ansässigen Bars die Straßen hier wirklich befreit wurden, um die Sicherheit der Kunden zu bewahren, aber ich wurde durch ein unschönes Geräusch eines Besseren belehrt. Eine Dame war mit ihrem Auto in einem Loch in einer Eisscholle gefangen. Die halbe Straße war vereist und die Dame hatte es geschafft, in genau das eine Loch zu fahren, wo sie ohne Hilfe nicht mehr herauskommen sollte. Neben dem Auto stand schon ihre Beifahrerin und rief ständig Befehle an die Fahrerin. Auch ohne fließend die Sprache zu beherrschen war schnell klar, so viele Unterschiede gibt es nicht – trotz 10.000 km zwischen Japan und Deutschland. Eine unbändige Flut von Befehlen von “dreh nach links” bis “nein, das andere Links” erreichte mein Ohr und es war klar, da muss ich helfen. Zwei Straßenarbeiter sahen das genauso, während die Polizei belustigt zusah. Zu dritt schafften wir es, der verständlicherweise panischen Dame Anweisungen zu geben, wie sie wirklich lenken soll. Gemeinsam gelang es uns dann, das Auto auf die Eischolle zu schieben, damit sie losfahren konnte und damit war die Straße für die anderen Autos wieder frei.
Zum Glück war es aber nur für eine kurze Zeit derartig schlimm mit dem Schnee und er verwandelte sich am Sonntagabend in Eisregen, welcher die Hauptstraßen freispülte. Mittlerweile stehen wir aber vor ganz anderen Problemen. Alleine vor unserer Haustür haben wir vereiste Schneemauern von 1 bis 2 Metern Höhe. Wenn diese abtauen, wird die Stadt im Wasser untergehen. Bevor es aber so weit kommt galt es am Samstag, die nächste Katastrophe mit einem Auto zu bekämpfen. Während wir zuhause kochten fiel mir auf, dass noch einige Zutaten fehlten. Das ist an sich kein Problem. Wozu hat man zwei Supermärkte in nächster Nachbarschaft? Kurzerhand schlüpfte ich in meine Halbschuhe und rannte in meinem kurzärmligen Hemd die zwei Minuten im Schneewirbel rüber zum Markt. Schon dabei fiel mir ein junger Mann auf, der mit Warnblinklicht in der Einfahrt zur Bank parkte, welche genau zwischen dem Supermarkt und meiner Wohnung liegt. Aber erst bei meiner Rückkehr verstand ich sein Problem. Mittlerweile hatte sich ein Polizist der örtlichen Außenstelle auf der anderen Seite der Straße eingefunden und mit zwei Schaufeln bewaffnet versuchten sie, das Auto zu befreien. Zu zweit waren sie aber machtlos, so dass ich auch noch bei den Versuchen half, das Auto zu schieben. Wie es aussah, stand sein Auto in so hohem Schnee, dass es einfach feststeckte. Nachdem klar wurde, dass zu dritt nichts zu machen ist, erschien auf einmal ein Polizeiauto und vier hochmotivierte Polizisten sprangen zur Rettung heraus. Man sollte meinen, zu fünft sollte es leicht sein, das Auto zu retten, aber mehrere Minuten verstrichen und noch immer drehte das Rad nur durch und weder ein Vorwärts noch ein Rückwärts war möglich. Erst als neben den fünf Polizisten auch ich noch einmal am Auto anfasste schafften wir es mit vereinten Kräften, das Auto aus dem Schnee zu bekommen. Nach zehn Minuten war die Rettung erfolgt und für mich die Zeit der Flucht gekommen. Zwar lag das Augenmerk der Herren in Blau noch bei dem Autofahrer, welcher nun seine Papiere zeigen sollte, so langsam dämmerte es aber den Anwesenden auch, dass ein komischer Ausländer im kurzärmligen Hemd ihnen gerade geholfen hatte. Ehe sie herausbekommen konnten, wie man auf Englisch nach meinen Papieren fragt, hatte ich es aber schon um die Kurve zu meiner Wohnung geschafft, um mich aufzuwärmen. Autoretten im Winter ist das eine, aber noch die Bürokratie im Schneesturm – nein, das musste wirklich nicht sein!
autofahrrader
schneefluss

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